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Pharmama zum neuen DSM

DSM-5

Vor die Therapie haben die Götter die Diagnose gestellt

Pharmama hat mir mit diesem Artikel ganz aus der Seele geschrieben. Das neue DSM-5 ist zu Recht nicht unumstritten.

Es gibt auch jetzt schon – völlig unabhängig vom Diagnosesystem – eine große Neigung, die ganz normale Lebensbewältigung gleich als Depression zu behandeln, jede Sorge zur Angststörung zu machen und jede Gefühlsregung außer der satten Zufriedenheit gleich zur Impulskontrollstörung zu machen; – und natürlich sofort nach einer Tablette dagegen zu schreien. Das neue DSM steht hier in der Gefahr, durch in Teilbereichen recht niedrige Diagnoseanforderungen eine Pseudoobjektivität für Diagnoseliebhaber zu liefern.

Es liegt in der Verantwortung der diagnostizierenden Ärzte, eben nicht jedes Wehwehchen überzudiagnostizieren, sondern nur die Beschwerden zu Krankheiten zu erklären, die das auch wirklich sind. Und wir wissen: Das wird nicht jeder in gleicher Weise tun, obwohl genau das die Grundidee eines einheitlichen Diagnosekriterienkataloges ist: Die Willkür abschaffen und einheitliche Kriterien zu formulieren. Diese sollten auch meiner Meinung nach dann natürlich hoch genug gehängt werden, um behandelbare Krankheiten auf der einen Seite zu trennen von Befindlichkeitsstörungen und Verhaltensvarianten auf der anderen Seite.

Die Verantwortung, eine Diagnose nur dann zu stellen, wenn das Gesamtbild der Beschwerden und des Leidens dies rechtfertigt und wenn die Diagnose eine Hilfe zur Therapie darstellt, bleibt bei jedem Diagnosesystem bei den einzelnen Ärzten und Psychologen.

Mögen sie weise damit umgehen…

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Alternativen zur Traumatisierung

Liebe Psychoszene!

In den letzten Jahren haben sich viele von Euch angewöhnt, bei jeder mittleren Belastung eine “Traumatisierung”, bei Schwierigkeiten eine “schwere Traumatisierung” und bei ernsthaften Widrigkeiten eine “schwerste Traumatisierung” zu sehen und das den Leuten auch mit genau diesen Begriffen ins Gehirn zu brennen.

Nun fangen Gedanken, Gefühle und Selbstbilder aber eben mit Worten an, und diese formen unsere inneren Konzepte. Es ist daher wichtig, mit Worten sorgsam und differenziert umzugehen. Manche Dinge im Leben sind einfach

  • doof
  • unangenehm
  • lästig
  • mühselig
  • unerfreulich
  • anstrengend
  • belastend
  • eine schwere Kindheit
  • Stress am Arbeitsplatz
  • erschreckend
  • erschütternd
  • schwierig
  • verstörend
  • beängstigend
  • besorgniserregend
  • schlimm
  • furchtbar
  • schrecklich
  • dramatisch
  • oder ein großer Verlust.

In diesen Fällen bitte diese Worte verwenden.

Andere Dinge sind “traumatisierend”. Bitte in diesen Fällen und nur in diesen Fällen diesen Begriff in die Menschen einpflanzen.

Der Begriff “traumatisiert” ist wie sehr viele vom professionellen System verwendete Worte eine mechanistische Analogie zu physikalischen oder körperlichen Prozessen. Das Trauma kennt man in der Medizin ursprünglich von Unfällen, in denen ein oft schwerer mechanischer Gewebedefekt entsteht. Dieser kann heilen, verheilt aber oft nicht vollständig, das heißt, der Begriff impliziert die Vermutung der teilweisen Irreversibilität. 1990 wurde der Begriff der “Psychotraumatologie” in die Welt gesetzt. Und dieser Begriff hat auch seine Berechtigung. Es gibt singuläre und es gibt wiederholte Ereignisse, die eine gesunde Psyche so erheblich verletzen, dass selbst nach einer langen Heilung nicht sicher ist, ob nicht Narben oder Funktionseinbußen zurückbleiben.

Aber man darf nicht übersehen, dass die menschliche Psyche eben keine starre Maschine ist und daher sehr weitreichende Möglichkeiten hat, zu heilen und sich neu zu organisieren. Wenn einem ein Hai in die Wade beißt und ein Stück Muskelfleisch herausreißt, wird diese Wade auch nach langer Heilung nicht mehr so aussehen, wie vorher. Auch nach einer psychischen Verletzung ist man nachher nicht unbedingt derselbe wie zuvor. Vielleicht ist man aber stärker, bewusster und auf die eine oder andere Art “gewachsen”.

Von vielen wird der Begriff “Traumatisierung” mit einem sehr negativen Script verknüpft. Das Script enthält oft die Elemente Opfer, Irreversibilität und dem sich Abfinden mit Funktionseinschränkungen. Das kann manchmal richtig sein, oft ist es aber auch unpassend.

Ich möchte daher jeden bitten, anderen Menschen den Begriff und das Konzept der “Traumatisierung” nur noch dann ins Gehirn zu pflanzen, wenn er zuvor mindestens 15 Sekunden darüber in Ruhe nachgedacht hat und alle milderen Alternativen aus gutem Grund verworfen hat. Und in diesem Fall soll er eine angemessene Hilfestellung anbieten.

Alles andere kann traumatisierend wirken.

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Elyn Saks

Elyn Saks
copyright:   http://institute4learning.com

Diesen Artikel aus der Zeit bitte unbedigt lesen.

Er berichtet über Elyn Saks, Jura-Professorin an der traditionsreichen Gould School of Law der University of Southern California in Los Angeles.

Und sie ist seid ihrer Jugend und bis heute Schizophrenie Patientin.

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Was sich Medizinstudierende wünschen

In diesem Video sagen Medizinstudierende, was sie sich wünschen. Sie sagen ganz korrekt, dass sie neben dem Leben als Ärztin oder Arzt noch für ihre Freunde und ihre Familie da sein wollen. Im Abspann steht dann: “8 Stunden am Tag. 100 %”.

Damit gehen sie auf Abstand zur aktuellen Kampagne der Kassenärztlichen Vereinigung, die betont, dass die Ärzte eben immer eine Versorgung sicherstellen.

8 Stunden am Tag, das ist dann doch noch ein gewisser Weg hin bis zur Realität; die Medizin ist halt ein 24/365 Gewerbe, und alles in 8 Stunden-Schichten aufzuteilen, ist auch nicht immer die beste Lösung.

Aber es ist ein sehr schön gemachter Film und er zeigt, was heute wichtig ist…

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Welchen Anteil hat die Forensik an der gesamten Psychiatrie?

Zählt man die Betten in der "normalen", also der "nicht-forensischen" Psychiatrie und die Betten in der forensischen Psychiatrie in Deutschland zusammen und betrachtet dann den relativen Anteil der forensischen Betten an der Gesamtheit, dann ergibt sich folgendes Bild:

  • Vor 20 Jahren war jedes 29. psychiatrische Bett forensisch.
  • Heute ist jedes vierte psychiatrische Bett forensisch.

Quelle: Prof. Seifert, Münster.

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DragonDictate 3 für Mac Deutsch

Regelmäßige Leser dieses blogs wissen, dass ich nichts unversucht lasse, die Produktivität aller Mac-Gadgets für meine Zwecke auszuprobieren. Mein neuestes Spielzeug ist die Spracherkennungssoftware DragonDictate für Mac in der Version 3.

Dieses Video zeigt einen kurzen Test, wie gut sich DragonDictate 3 für Mac in Deutsch gegenwärtig in der Spracherkennung von Umgangssprache und Fachsprache schlägt.

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7 einfache Tips, mehr Zeit für sich selbst zu haben

1. Alle email-Newsletter abbestellen.

2. Bei Twitter mal öfters mutig auf “Entfolgen” klicken

3. Unnötige RSS-Feeds ausmisten —-Aargh DOCH NICHT DIESEN !!!

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Was könnte uns unser Paartherapeut fragen; Teil 948

“Was hat Ihren Partner in der letzten Woche bewegt, wie ist es ihm gegangen, was hat er gefühlt?”

Verdammt schwierige Frage… :-)

Danke an Karen

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Spermien zeigen unter SSRI erhöhte Rate an DNA-Fragmentierungen

Spermiogramm

Spermiogramm. ©Bobjgalindo via wikimedia

SSRI und Fruchtbarkeit

SSRI haben bekanntermaßen Auswirkungen auf die Sexualität; bei Männern führen SSRI nicht selten zu einem verzögerten Orgasmus. Nun ist im Fachmagazin “Fertility and Sterility” eine Studie erschienen (abstract hier), die bei 35 gesunden Männern die Spermienqualität unter Therapie mit SSRI untersucht hat. Das Ergebnis ist, dass bei 30,3 % der behandelten Probanden DNA-Fragmentierungen, also Brüche in der DNA der Spermien, festgestellt worden sind, verglichen mit 13,8 % vor Beginn der Therapie. Dazu kam, dass 35 % der behandelten Männer über erektile Dysfunktion klagten und 47 % die bekannten Orgasmusstörungen beschrieben. Alle diese Nebenwirkungen verschwanden nach Absetzen der SSRI wieder. Da DNA-Fragmentierungen die Fruchtbarkeit reduzieren können, sollten Männer mit Kinderwunsch über diese Nebenwirkung von SSRI aufgeklärt werden.

Quelle: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/54357/Spermien-Krise-unter-Antidepressiva

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Während einer Diät hat der Mensch Hunger

Über Diäten ist schon mehr als genug geschrieben worden. Mich fasziniert dennoch, warum sie so schwierig sind. Ich selbst frage mich regelmäßig, warum ich mich nicht einfach entscheiden kann, weniger zu essen und mehr zu verbrauchen. Aber das gelingt nur mit größter Mühe.

Es gibt ja die vereinfachende, mechanistische Vorstellung, man müsse einfach nur mehr verbrauchen, als man zu sich nimmt, und dann nimmt man ab. Wie praktisch alle mechanistischen Vorstellungen vom menschlichen Körper oder der Psyche greift auch diese Vorstellung zu kurz. Sie stimmt zwar, aber sie läßt Folgendes unberücksichtigt: Der menschliche Körper reduziert in Hungerszeiten – also in der Diät – den Grundumsatz. Diese Erkenntnis ist gemeinhin akzeptiert, sie wird nur leider in ihrer Auswirkung auf die Planung einer Diät nicht immer konsequent angewendet. Das bedeutet nämlich, dass man während einer Diät die Kalorienzufuhr sehr weit unter den bisherigen Verbrauch senken muss. Nämlich um die geschätzten 500 Kcal pro Tag, die der Körper einfach so den Grundumsatz kürzt plus die Kalorien, die ich jeden Tag abnehmen will. Und dass man nicht allzu oft Pausen machen darf. Tut man aber genau das, die Kalorienzufuhr sehr weit unter den Verbrauch senken, dann entsteht Hunger. Ich verstehe nicht, wieso das alle immer leugnen wollen. Der Körper wäre ja schön doof, wenn er in einer solchen Situation keinen Hunger signalisieren würde. Ich selbst halte von allen Ideen, man könne ohne Hunger abnehmen, einfach gar nichts. Ich würde meinem Körper auch misstrauen, wenn er sich von irgendeiner Quark-Protein-Diät-Trennkost-Masche so an der Nase herumführen ließe, dass er abnimmt, ohne Hunger zu zeigen. Der Mensch hat diese evolutiv sinnvolle Möglichkeit, Fett anzusammeln. Er hat auch die Möglichkeit, Hungersphasen mit dem Abbau von Fett zu überstehen. Aber er konzentriert sich in diesen Hungerphasen auf eine Sache: Essen finden und aufessen. Und er signalisiert: HUNGER!!! Er nimmt keinen Schaden am Fasten, aber er mag es gar nicht. Er zeigt es mir mit

  • Hunger
  • Schlafstörungen
  • Abgeschlagenheit
  • Dysphorie
  • Reizbarkeit und
  • einer ziemlichen Einengung des Denkens an Essen.

Wenn ich während einer Diät jogge, kann ich deutlich weniger schnell und weniger lange laufen, als wenn ich keine Diät mache. Der Körper läuft auf Sparflamme und das zeigt er auch unmissverständlich.

Hunger ist ebenso wie die anderen basalen menschlichen Gefühle wie Angst, Freude, Müdigkeit, etc. ein Gefühl, dass einen starken Handlungsimpuls auslöst. Wer Angst empfindet, hat einen starken Impuls, entweder die Flucht zu ergreifen oder anzugreifen. Wer müde ist, will schlafen. Und wer Hunger hat, will etwas essen, wenn es verfügbar ist. Aber anders als beim Schlafenden unterstellt man demjenigen, der während einer Diät ißt, Willensschwäche. Man kann dem Hungergefühl auch widerstehen, es ist aber nicht leicht, vor allem, wenn Essen in Reichweite und sichtbar ist.

Ich ärgere mich oft, wenn ich immer wieder von allen Seiten höre: “Du musst nur so oder so essen, dann nimmst Du ab, ohne Hunger zu haben.” Also Du vielleicht. Ich nicht.

Wie ergeht es Dir? Hast Du während einer Diät Hunger? Bist Du während einer Diät abgeschlagen, reizbar, reduziert belastbar? Oder bist Du so wie die jungen Damen in der Abnehm-Shake Werbung? Ab mit Euch ins Kommentar-Feld!

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