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Welches Neuroleptikum gebe ich wem?

Nehmen wir an, in meine Behandlung kommt ein sonst gesunder Patient mit einer Psychose. Ich entscheide mich, dass er ein Neuroleptikum braucht. Das bespreche ich mit ihm und er stimmt dem auch zu. Nun stellt sich die Frage: Welches Neuroleptikum empfehle beziehungsweise verordne ich? Es gibt keine ganz einfache Faustformel, nach der ich für einen bestimmten Patienten ein Neuroleptikum auswähle, aber ich habe ein bestimmtes Vorgehen, dass ich in bestimmten Fällen anwende. Ich habe hier mal versucht, dies aufzuschreiben:

Welches Neuroleptikum gebe ich wem?

Konstellation 1: Der erfolgreich vorbehandelte Patient: Auf meine Frage: “Haben Sie schon einmal in einer früheren Krankheitsphase ein Neuroleptikum erhalten? Hat es gut gewirkt und haben Sie es gut vertragen?” antwortet er zwei mal mit “Ja”, d.h. ein bestimmtes Präparat hat schon einmal gut gewirkt und wurde gut vertragen. Dann empfehle ich genau dieses Medikament wieder. Ich frage, welche Symptomatik damals bestanden hat und wie stark sie war und welche Dosis des Präparates in welcher Zeit geholfen hat. Ich mache mir ein Bild davon, wie stark die Symptomatik jetzt ist und empfehle eine passende Dosis.

Konstellation 2: Der bislang unbehandelte Patient: Wenn bislang noch nie ein Neuroleptikum verordnet wurde empfehle ich in der Regel in der ersten Stufe Risperidon. Es wirkt schnell und verläßlich. Es macht nicht müde und es macht keine Gewichtszunahme. Wenn ich selbst ein Neuroleptikum bräuchte, würde ich mich auch für Risperidon entscheiden. (Das stimmt sogar mit dem Ergebnis meiner kleinen Umfrage überein: Welches Neuroleptikum würdest Du selbst einnehmen: hier). In Dosierungen bis 4 mg pro Tag ist es meist gut verträglich und macht meist keine EPMS. In höheren Dosierungen kann es EPMS machen.

Konstellation 3: Risperdal hat nicht ausreichend geholfen oder wurde nicht vertragen. Der Pat. ist nicht adipös: In der zweiten Stufe empfehle ich in der Regel Zyprexa (nachdem ich über die Möglichkeit einer Gewichtszunahme aufgeklärt habe). Es wirkt ebenso sicher, verläßlich und zügig wie Risperidon und wird ebenfalls zumeist gut vertragen. Es kann aber tatsächlich eine deutliche Gewichtszunahme verursachen. Daher lasse ich das Gewicht bei Beginn der Behandlung mit Zyprexa messen. Treten Heißhungerattacken oder eine Gewichtszunahme von mehr als 3 Kilogramm auf, empfehle ich, das Präparat zu wechseln.

Konstellation 4: Zyprexa hat nicht ausreichend geholfen oder wurde nicht vertragen: Wenn Risperdal in Stufe eins wegen mangender Wirksamkeit und nicht wegen EPMS das Feld räumen musste, und in Stufe zwei Zyprexa nicht gut ging, dann versuche ich in der dritten Stufe Solian. Wenn Risperdal EPMS gemacht hatte, dann überspringe ich diesen Schritt.

Konstellation 5: Mit Risperdal, Zyprexa und Solian stellte sich kein Erfolg ein: In der vierten Stufe muss ich ein Neuroleptikum auswählen, dass gegebenenfalls etwas weniger wirkstark ist als Risperdal, Zyprexa und Solian, aber vielleicht besser verträglich ist. Es kommen nun Abilify, Zeldox, Seroquel (meine Einschätzung zu Seroquel findet ihr hier) und Serdolect in Betracht. Ich verordne in dieser Reihenfolge. Abilify führt häufig zu Akathisie, ich setzte es dann zumeist sofort und ohne zu warten ab. Zu Serdolect sind diese Hinweise zu beachten. Zeldox und Seroquel werden in der Regel sehr gut vertragen, hier stellt sich eher die Frage der ausreichenden Wirksamkeit.

Konstellation 6: Eine Monotherapie klappt nicht: In der fünften Stufe wähle ich eine Kombinationstherapie aus zwei Neuroleptika. Geleitet von den Nebenwirkungen der bisherigen Versuche wähle ich gut verträgliche, aber in Monotherapie nicht ausreichend wirksame Präparate aus und gebe beide in einer mittleren Dosis. Dabei unterteile ich die Neuroleptika nach ihren Nebenwirkungen in unterschiedliche Gruppen und meide die Gruppe, deren Nebenwirkung bislang am problematischsten war:

  • Gruppe 1: EPMS-Gefahr: Haldol, Solian, Risperdal
  • Gruppe 2: Gewichtszunahme-Gefahr: Clozapin, Zyprexa, manchmal Seroquel
  • Gruppe 3: Akathisie-Gefahr: Abilify

Konstellation 7: Alle oben genannten Stufen wurden nicht gut vertragen: Ich versuche Serdolect.

Konstellation 8: Alle oben genannten Stufen haben nicht ausreichend gewirkt: Ich kläre ausführlich auf und versuche Clozapin.

Konstellation 9: Reine Rezidivprophylaxe bei asymptomatischem Patienten: Mit großer Sicherheit wirkt das Neuroleptikum, das die psychotische Episode beendet hat. Bei der Rezidivprophylaxe sind aber Nebenwirkungen noch viel weniger akzeptabel als in der Akuttherapie. Bei Nebenwirkungen wechsele ich daher noch niederschwelliger auf ein Ausweichpräparat.

Konstellation 10: Behandlung akuter kokaininduzierter psychotischer Zustände: Kokain ist stark und selektiv dopaminagonistisch. Solian ist stark und selektiv dopaminantagonistisch. Daher behandele ich akute psychotische Zustände nach Kokainkonsum mit Solian.

Konstellation 11: Delir: Ein lebensbedrohliches Delir, egal welcher Genese (Alkoholentzug-, Benzodiazepinentzug-,…) braucht eine wirkstarke und schnelle Neurolepsie. Ich gebe Haloperidol oder Risperidon.

Konstellation 12: Auswahl eines Depotpräparates: Ich mache zunächst einen Versuch mit Fluanxol, zunächst oral gegeben. Wird dies vertragen, gebe ich eine milde Dosis Fluanxol Depot, etwa 40-60 mg alle zwei Wochen. Sind bei dem Patienten unter irgendeiner Medikation EPMS aufgetreten, gebe ich Risperdal Consta oder Xeplion. Immer noch EPMS: Dann Zypadhera. (Zu Depotpräparaten siehe auch hier)

Das ist natürlich nur eine Blaupause, bei jedem einzelnen Patienten können so viele weitere Aspekte eine Rolle spielen, dass diese Blaupause nicht hilft. Aber manchmal hilft sie doch.

OK, das waren jetzt so einige Gedanken, die ich oft anwende. Wie gehst Du vor? Was machst Du anders? Bitte schreib Dein Vorgehen in die Kommentare!

P.S.: Hier der Artikel zur Auswahl eines Antidepressivums.

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12 Kommentare zu “Welches Neuroleptikum gebe ich wem?

  1. Meine Empfehlung richtet sich noch etwas an der Schwere der Akutsymptomatik aus. Bei leichterer oder mässiggradiger Ausprägung greife ich lieber zu Abilify und Seroquel – nach meiner Erfahrung wirken sie schwächer und später – sind aber besser verträglich als Risperdal, dass auch eine gewisse Latenz hat. Bei stärkerer Akutsymptomatik wähle ich Haldol oder Zyprexa, weil die m.E. am schnellsten und zuverlässigsten wirken. Haldol muss dann im Verlauf so gut wie immer und Zyprexa auch sehr oft umgestellt werden, was schon ein Nachteil ist.

  2. Als neurologischer Weiterbildungsassistent habe ich noch nicht allzu viel praktische Erfahrung mit Neuoleptika…das Pflichtjahr Psychiatrie steht erst noch an. Allerdings hat mich ein Artikel des Arzneitelegramms von 2005 doch schon sehr verwundert:

    Demnach sind EPMS unter sog. “Atypika” nicht signifikant seltener als unter “klassischen Neuroleptika”, wenn man vergleichbare Dosierungen wählt (…und keine Studientrickserei mit niederig dosiertem Risperdal vs. hoch dosiertem Haldol) betrieben wird:

    http://www.arznei-telegramm.de/html/2005_11/0511098_01.html

    Gibt’s hiezu weitere Meinungen???

  3. Das arzneimittel-telegramm hat vollkommen recht

  4. Selbst für einen an der Problematik lediglich Interessierten, der nicht auf diesem Gebiet geschult wurde, sehr spannend und informativ. Für mich eine Chance, zu lernen und zu verstehen.

  5. Als Betroffener einer Psychose kann ich sagen, dass diese ganzen Medikamente der letzte Dreck sind. Viel besser wäre es, dem Patienten für 3 Wochen ruhen zu lassen und zu schauen, ob sich die Symptomatik von alleine zurückbildet.

    Wenn dann nichts hilft, ein Neuroleptikum in niedrigster Dosierung. Zu Risperdal: Kann ich nicht empfehlen. Ist das größte Dreckszeug. Man kann sich kaum bewegen, ist total verspannt, man hat überhaupt keine Gedanken mehr. Das ist die reinste Folter, wenn man Pech hat. Dass es nicht müde macht kann ich nicht bestätigen. Ich habe damit den ganzen Tag geschlafen.

    Haldol ist noch viel schlimmer. Man kommt sich wie ein Roboter vor. Ähnlich wie Risperdal nur noch viel schlimmer. Man schläft auch nur den ganzen Tag.

    Zyprexa verursacht nachweislich Diabetes. Wie soll man sich denn wohl als Patient fühlen, wenn man dauernd zunimmt!? Habe es zwar noch nie genommen, aber abgelehnt es zu nehmen.

    Schön dass die Psychose vielleicht weg ist, aber mit Neuroleptika hat man NULL Lebensqualität. Man könnte sich gleich erhängen oder Selbstmord vollführen, so schlimm ist es.

    Empfehlen kann ich nur Abilify, worunter ich auch EPMS hatte. Zeldox ist auch ein gutes Medikament.

    Überhaupt hat man großes Pech, wenn man diese Dopaminkiller nehmen muss.

  6. Ich möchte gerne berichten über meine Freundin, ich habe Sie 2005 als Bildhübsches Mädchen kennen gelernt Sie war 29 Jahre alt und wunderschön! Sie hatte schöne Lange Blonde Haare, eine sehr schöne Figur und ein wunderschönes Gesicht! Sie war meine Traumfrau!!!! Wir waren sehr glücklich zusammen, wir waren im Urlaub usw. überall hat man dieser Frau hinterhergeschaut weil Sie so hübsch war und viele waren mir neidisch das ich so eine schöne Frau habe! genau ca. 1 Jahr später wurde Sie leider erkrankt und psychotisch und musste in die Klinik weil Sie vor alles Angst hatte und abgehauen ist in den Wald etc also erkrankt an einer Psychose! Dort hat man meine Frau ruiniert!!! Es sind genau jetzt 6,5 Jahre vergangen ich habe Sie lange nicht mehr gesehen, Sie wurde komplett zerstört seelisch sowie äuserlich jetzt würde jeder Angst von Ihr bekommen. Ihr Gesicht sieht richtig eingefallen aus wie eine “Leiche” man bekommt richtig Angst schon von Ihr wenn man Sie anschaut wie so ein “Geist” und sie läuft wie ein Roboter, früher war sie meine Prinzessin und war ein Lebensfroher Mensch und viel in der Natur unterwegs etc. Ihren herzlichen lieben Charakter und Ihre Süsse Stimme ist noch vorhanden aber sonst der Rest ist alles weg.Ein Fremder würde Sie auf 50 -60 schätzen nach dem aussehen her!!! Sie war so ein schöne Frau! Jetzt meine Frage, wieso machen die Medikamente, die Menschen so kaputt? Ich spreche jetzt direkt die Neuroleptika an, die normalen AD da verändern sich menschen kaum aber von NL werden die Menschen komplett anders. Der Patient hört zwar keine Stimmen mehr oder hat keine Ängste mehr aber der Rest ist ruiniert er kann nicht mehr arbeiten er sieht körperlich aus wie ein Wrack. Ist das der Ziel der Behandlung??? Meiner Freundin wurden in der Klinik alle Medikamente verabreicht paar Wochen Haloperidol, Zyprexa , Zeldox , etc alles einfach und jetzt seit 2 Jahren ist sie auf Abilify 20 mg/Tag und als Bedarf Medikament – Tavor 1,0 mg zum schlafen. Ich muss dazu sagen seit ca. 2 Jahren ist sie wieder laut Ärtzen gesund “stabil” (für mich ist sowas aber niemals gesund, der mensch wurde komplett zerstört läuft wie ein Roboter und wird als gesund hingestellt..) .. Haben Sie auch schon solche Erfahrungen gemacht das die Neuroleptika die Menschen auf Längeresicht komplett zerstören bzw verändern? ich mein jetzt äuserlich sowie innerlich?? wieso werden die Leute soviel mit Medikamente zugepumpt bei benzos geht man so sparsam damit um obwohl sie eigentlich keinen großen schaden anrichten bis auf Abhängigkeit aber bei den ganzen AD – NL usw damit wird großzügig verteilt. Hat jemand ähnliches erlebt? würde mich freuen auf eine Antwort (sorry für die Schreibfehler bin nicht aus Deutschland)

  7. Ich finde es schade, dass man noch nicht herausgefunden hat, warum bestimmte Medikamente wirken, und andere nicht. Wenn man Glück hat, spricht man auf das erste Medikament gut an, sonst dauert es lange, bis man den richtigen Wirkstoff findet.

    Was mich an Neuroleptika stört, ist dass es kaum Studien zu Langzeitnebenwirkungen gibt … Aber es wohl besser NL zu nehmen, als einen Schub ausgesetzt zu sein.

  8. Es gibt viele fehldiagnosen die einen noch mehr angst machen und unruhiger werden lassen schon alleine der gedanke das mit mir etwas nicht stimmt gibt ja unruhe und ja ich fühle mich wie ein Roboter dank der Neuroleptika und ich habe es satt mich rechtfertigen zu müssen bei meinen Mitmenschen warum Neuroleptika warum Arztbesuche ich bekamm damals an einen einzigen Wochenenede 3 Diagnosen soll ich nun Pokern, zwischen Gesund, Schizophren und Bipolar? Psychotisch war ich nicht aber man lenkt gern ein um seine Ruhe zu haben soviel dazu!

  9. Hallo zusammen,

    ich habe seit Januar 2013 psychotische Symptome, bei mir springt aber kein Neuroleptikum bis jetzt an.

    Erst bekam ich 100mg Seroquel + 50mg Prolong, jedoch ohne Wirkung, mittlerweile 3mg Risperdal, die Wirkung bleibt ebenfalls aus.

    Ich habe eine Ich-Störung, d.h. die Außenwelt kommt mir vor, als wäre eine Barriere zwischen mir und meiner Umwelt. Ich bin wie in einer Art Traumwelt. Zusätzlich bin ich sehr Licht- und Geräuschempfindlich und kann mich so gut wie garnicht mehr konzentrieren.

    Die o.g. Neuroleptika wirken bei mir nicht, kann jemand eine Empfehlung aussprechen, wie ich bzw. mein Arzt hier am besten weiter vorgehen soll?

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